100 Jahre Meyers Müller

Der Weg des Korns beginnt in der Gosse. "Da unten", sagt Eckhard Meyer und zeigt mit dem Finger auf das Gitter unter seinen Füßen, "laden die Bauern ihr Getreide ab." Eckhard Meyer (39) ist Müller und betreibt die Windmühle in Bardowick in der vierten Generation. In diesem Jahr ist der Galerieholländer 100 Jahre im Besitz seiner Familie.

Von der Gosse im Untergeschoss werden Weizen, Hafer, Gerste, Buchweizen, Dinkel und Mais sowie Emmer (Urweizen) und Triticale (Züchtung aus Weizen und Roggen) mechanisch nach oben in das Nebengebäude der Mühle befördert - dort werden Stroh, Ähren, Sand und Staub herausgesiebt, anschließend die Körner gewogen. Meyer verarbeitet 500 Tonnen Getreide im Jahr. Das konventionell angebaute Korn kauft er bei Nachbarn in Bardowick, das biologische Getreide in ganz Niedersachsen.

Je nach Frucht und Qualität wird es dann auf die Silos verteilt, denn "das ganze Korn ist am längsten lagerfähig", erklärt der Müllermeister. Über Schnecken (waagerecht) und Elevatoren (senkrecht) geht's rüber in die Mühle. Je nach Produkt - Futter oder Mehl - läuft es dort noch ein paar Mal durch die Siebe zur Säuberung und zum Abtrennen der Schale, um danach endlich über den so genannten Rüttelschuh gleichmäßig zwischen die Mahlsteine geschüttet zu werden. Mahlstein ist nicht gleich Mahlstein: Für sein Mehl verwendet Meyer ein besonders edles Teil, einen Süßwasserquarz aus der Champagne in Frankreich. "Der wird heute überhaupt nicht mehr hergestellt", sagt der 39-Jährige. Erst 1813 wurde der Galerieholländer in Bardowick gebaut. Meyer weiß, warum so spät: "Lüneburg hatte es vorher verboten, die wollten keine Konkurrenz für ihre drei eigenen Mühlen." Erst als Napoleon Europa überfiel und die Gewerbefreiheit einführte, nutzte ein findiger Müller die Chance. Mehrere Besitzer wechselten sich bis 1907 ab, dann übernahm Eckhard Meyers Urgroßvater die Windmühle - ein Spross des Handorfer Müllers, der seit zwei Generationen mahlte.

Eckhard Meyer lernte zunächst Kaufmann, bis er in Ostfriesland mit Wind angetriebene Mühlen sah. Er sattelte um, auch wenn der Vater für sein Gewerbe kaum Chancen sah. Nach der Müllerausbildung und Mitarbeit beim Papa übernahm der Junior 1996 den Betrieb. Damals lief die Mühle bereits seit zwei Jahren wieder mit Wind - nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Opa kein Geld für eine komplette Restaurierung, stellte notgedrungen auf Elektromotor um. Heute mahlt die Mühle teils mit Wind, teils mit Strom. Eine gute Mischung, so Meyer: "Würde ich nur auf Windkraft setzen, hätte ich viel Freizeit - oder ich wäre pleite."

Quelle: Hamburger Abendblatt: erschienen am 24. Februar 2007: http://www.abendblatt.de/daten/2007/02/24/695093.html